Missen-Wilhams stellt sich vor

Carl Hirnbein (1807 - 1871)
Carl-Hirnbein-Museum

Jeden Freitag von 15 - 17 Uhr geöffnet.
Unser Museumsleiter Herr Josef Bettendorf freut sich auf Ihren Besuch.

Gruppenführungen können jederzeit im Tourismusbüro vereinbart werden.

Gruppenführungen auch nach Vereinbarung möglich.
Tourismusbüro Tel.: +49 8320 456

 


Carl Hirnbein – Notwender, Zwingherr & Alpkönig

 

Der uns heute durch Peter Dörflers Allgäu Trilogie unter den Synonymen „Notwender“ – „Zwingherr“ – „Alpkönig“ bekannte Carl Hirnbein wurde am 27. Januar 1807 in Wilhams geboren.

Er verlebte seine Kindheit wohlbehütet im Hause seiner Großeltern Eldracher, in das sein Vater, Johann Hirnbein, eingeheiratet hatte.

Geprägt wurde er bereits in der Kindheit und Jugend durch:

  1. das Vorbild im Elternhaus mit einer tüchtigen, warmherzigen, dem Hausstand vorstehenden Mutter und einem sozial denkenden, unternehmerisch begabten und aktiv wirkenden Vater, der sich auch durch seine politische vielfältige und besonnene Tätigkeit in der Öffentlichkeit großes Ansehen erworben hatte.
  2. die gezielte Lenkung seines Werdeganges durch den Vater.

Das geistige Rüstzeug für die von ihm in seinem Leben zu bewältigenden Aufgaben erwarb er durch den Besuch der Elementarschule Wilhams von 1814 bis 1819 und den anschließenden Besuch der Höheren Bürgerschule Kempten (sog. Realschule des Lehrers Geist) von 1819 bis 1821. Daneben erlernte er die italienische Sprache und mit 18 Jahren schickte ihn sein Vater für ein Jahr zu einem Geschäftsfreund nach Rovereto in Oberitalien, damit er die italienische Sprache perfekt erlernen und sich kaufmännische Kenntnisse aneignen sollte.

Carl musste im elterlichen Betrieb schon als junger Mensch fleißig mitarbeiten, Vieh hüten, melken, Stall ausmisten usw., so dass er auch mit der praktischen Landwirtschaft vertraut wurde. Schon ab 1824, also erst 17-jährig, begleitete er als verantwortlicher Hirte Viehtriebe mit bis zu 600 Stück Vieh über die Alpen ins Welschland (Italien). All dies bewirkte, dass aus dem Kind ein junger Mann mit hohem Kenntnisstand und vielfältigen Fähigkeiten geworden war.

Für seinen Vater, der 1826/27 ein großzügiges Gut hatte bauen lassen, war er so zu einem wertvollen Mitarbeiter geworden.

Der aufgeschlossene junge Mann erkannte, dass das Allgäu wegen der geringen Fruchtbarkeit des Bodens und des schwierigen Geländes sich weniger für den bisher üblichen Ackerbau und die Leinenwirtschaft eignete, für die Milchwirtschaft dagegen sehr gute Voraussetzungen bot. Nach dem Grundsatz: „Das Allgäu soll ein Milch- und Käseland werden“ strebte er die wirtschaftliche Umwandlung vom Ackerbau zur Milchwirtschaft an und war damit maßgebend an der Schaffung einer neuen auskömmlichen Lebensgrundlage beteiligt, weshalb er zu Recht „Notwender“ genannt wurde.

Mittel zur Erreichung seines Zieles waren:

  1. Erhöhung des Milchviehbestandes,
  2. Vergrößerung der Futterflächen (Abschaffung des Ackerbaues und Rodung),
  3. Erhöhung des Flächenertrages durch Entwässerung und Düngung der Wiesen – Gülle und Mist,
  4. Auswahl der Kühe nach ihrer Milchleistung,
  5. Förderung der Viehzucht und eines florierenden Viehhandels,
  6. Erschließung der Alpen und des Bergwaldes durch Wegebau,
  7. Ergründung der Bedingungen für die Herstellung eines schmackhaften, haltbaren Käses,
  8. Auf- und Ausbau eines Handelsnetzes für Milchprodukte, wodurch für die Bauern eine Abnahmegarantie gegeben war.

Man sah Carl vielfach auf Reisen, die er nutzte zur Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten, zur Knüpfung von Handelsbeziehungen und zur Anwerbung von Fachkräften. Von seiner ersten Reise nach Limburg brachte er die Brüder Grosjean mit, mit deren Hilfe er in Wilhams die Herstellung von Limburger und Romadur mit der Milch aus dem Allgäu entwickelte.

Dass Carl Hirnbein sich der Herstellung des „Weichkäses“ annahm und sich nicht, wie z. B. Johann Althaus, ausschließlich dem Hartkäse widmete, zeigte seine Weitsicht schon in jungen Jahren, denn für die Weichkäserei genügte eine billigere Einrichtung, das Herstellungsverfahren war einfacher und es bestand eine größere Unabhängigkeit von der zur Verfügung stehenden Milchmenge. So war die Entscheidung zunächst für die Weichkäseproduktion eine wesentliche Grundlage für einen schnellen wirtschaftlichen Aufstieg.

Carl Hirnbein wirtschaftete im Sinne seines Vaters Johann fort und vermehrte weiterhin ständig seinen Haus- und Grundbesitz. So gehörten ihm letztendlich fast der ganze Grünten und zahllose Land- und Hochalpen am Stuiben in Gunzesried, in Thalkirchdorf usw. Er konnte von Wilhams bis Weitnau auf eigenem Grund gehen und konnte in Weitnau neben dem Alten Hof die Brauerei und den Adler erwerben. Beim Abschluss der Kaufverträge verhandelte er als guter Geschäftsmann hart, was ihm den Titel „Zwingherr“ einbrachte.

Sehr begütert geworden gehörten ihm in späteren Jahren bei einem Gesamtbesitz von ca. 3000 ha über 100 Alpen, so dass man ihn mit Recht den „Alpkönig“ nannte.

Ab 1853 ließ er das heute noch bestehende Grüntenhaus erbauen, das er 1855 als sein „Hotel auf dem 6000 Fuß hohen Grünten“ eröffnete.

Im ersten Fremdenverkehrsprospekt des Allgäus bewarb er dieses Haus als Unterkunft und Aufenthaltsort für „Touristen und Freunde einer erhabenen Alpennatur“ erfolgreich. Neben einer guter Bewirtung wurden Molkekuren angeboten. So wurde Carl Hirnbein auch zum Pionier des Alpentourismus und des Kurwesens im Allgäu.

Politisch aktiv wurde er im März des Revolutionsjahres 1848. Er stand als Mitglied der Freiheitspartei auf der Seite der Liberalen, die sich für Freiheit und Einigung des deutschen Vaterlandes einsetzten und war aktiv in den Märzvereinen von Sibratshofen und Weitnau. Carl Hirnbein wurde als Gegner der Monarchie politisch überwacht und musste sich sogar einmal in einer abgelegenen Alpe verstecken, um sich der Verhaftung zu entziehen.

Nach Niederschlagung der Revolution von 1848 arrangierte er sich wieder mit der Monarchie und wurde aufgrund seines Ansehens und seiner Fähigkeiten 1859 in den Landtag gewählt. Am Amt des Bürgermeisters hatte er allerdings kein Interesse, doch setzte er sich, wie Briefe belegen, stets für das Wohl der Gemeinde als deren Vertreter ein.

Im Juli 1840 heiratete er die Tochter des Kronenwirtes von Weiler, Anna Maria Heim. Alois Rädler, der ihr Äußeres und ihre Tüchtigkeit lobte, hatte sie für ihn ausgemacht. Seiner Nanni, wie Hirnbein sie in seinen Briefen nannte, war er ein treusorgender Ehemann.

Dem Paar wurden 6 Kinder geboren, 4 verstarben jedoch im Säuglingsalter. Die Erstgeborene, Josefine und der Drittgeborene, Johann Baptist wurden erwachsen. Als Carl Hirnbein 1868 sein Gut übergeben hatte, - Johann Baptist übernahm das Wilhamser Anwesen und Josefine wurde das Weitnauer Gut übertragen -, übersiedelte er mit seiner Frau nach Weitnau zur Tochter. Er starb am 13. April 1871. Seine Frau Anna Maria überlebte ihn um 4 Jahre und verschied am 12. April 1875.

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